Eine alte Singtradition stirbt aus
Von Joe Manser
Mercato kommt für Mektig oder wie in Appenzell mit einem neuen Konzept eine sehr alte Singtradition stirbt. Zahlreiche Insider wissen, dass der urtümliche, archaische Bauerngesang in einer Ecke des Appenzellerlandes noch gepflegt wird. Das heisst: gepflegt wurde, denn nun ist Schluss mit dieser freien und ungezwungenen Singrunde, die sich im Restaurant Bahnhofbüffet Appenzell regelmässig am Mittwochvesper traf.
Der spontane und urchige Gesang,bei dem einstmals auch die legendären Sänger Josef Manser «Strub» (1907–1999) und Sepp Hautle (1917–2008) mitwirkten, muss einem neuen Ladenkonzept der Appenzellerbahnen weichen. Hautle und Strub gelten als die beiden letzten archaischen Sänger, was den Naturjodel anbelangt.
Der «Strube» baute gern die überhöhte Quarte (Alphorn-Fa) ein; die Schlusstöne wurden von ihm allgemein noch heruntergerissen (Portamento), wie es früher im Buuregsang üblich war. Dies wurde aber von vielen verwöhnten Ohren mit der Zeit als «wüescht» empfunden, und so verschwand diese Eigentümlichkeit, die auch Alfred Tobler «Das Volkslied im Appenzellerlande, 1903» beschrieb.
Nun wird anstelle des auch bei Zuhörern äusserst beliebten Restaurants ein «Mercato» der Appenzeller Bahnen treten. Wenigstens das ist uns geblieben: das Innerrhoderwort «Mektig» für Mittwoch basiert auf dem «Markttag» der ländlichen Bevölkerung, und die Ladenkette «Mercato» greift immerhin den Begriff wieder auf. Leider nur den Begriff, nicht aber den Gesang.
Wir erinnern uns traurig an Hautlis bekannter Ratzliedlivers, den er gerne in Selbstironie zum Besten gab: «Die Wolke sönd grau ond de Himmel ischt blau ond di vetemmteschte Meedle het de Hautli vo Kau.» (Jodel) …..
1 aprile 2009, 10:27
Danke Joe für diesen Beitrag, der mich natürlich traurig stimmt, weil wieder ein Stück Herkunft dem Gott Fortschritt/Mammon geopfert wird. Wir leben in grauen Zeiten…
21 luglio 2010, 6:49
Lustig, ich hatte garnicht gedacht das das *wirklich* so funktioniert. Komische Welt.