Wer die Jugend hat, hat die Zukunft
Von David Coulin www.alpenrosen.ch
Seit einem Jahr steht Karin Niederberger aus dem bündnerischen Malix an der Spitze des Eidgenössischen Jodlerverbandes. Im exklusiven Alpenrosen-Interview schaut sie zurück auf die 100-Jahr-Feier und sagt, was sie im Jubiläumsjahr und darüber hinaus bewegen will.
Welches ist die prägendste persönliche Erinnerung an die Hundertjahrfeier des Eidgenössischen Jodlerverbandes EJV?
Wir wollten die Botschaft der Offenheit hinaustragen – einer Offenheit, die auf einer gesunden Tradition beruht. Das ist uns gelungen. Besonders berührt hat mich auch die Demonstration der Verbundenheit aller Brauchtumsverbände. Dass alle diese Verbände vom Eidgenössischen Schwingerverband über den Verband Schweizer Volksmusik bis zur Schweizerischen Trachtenvereinigung an einem Abend gemeinsam aufgetreten sind, hat es noch nie gegeben.
Etwas weniger Verbundenheit kam von der eigenen Basis her – der Zuschaueraufmarsch aus den eigenen Reihen war doch eher bescheiden. Warum?
Insgesamt haben an den zehn Präsentationstagen in Bern rund 3500 Aktive teilgenommen und sich eingesetzt. Das ist eine stolze Zahl. Aber es ist tatsächlich unverkennbar, dass sich eine breite Basis nur bedingt mit dem Eidgenössischen Jodlerverband EJV identifiziert. Wir sind daran, diesen Sachverhalt zu analysieren. Ein wichtiger Grund scheint aber darin zu liegen, dass vielen Jodlerinnen und Jodlern gar nicht klar ist, warum es den EJV überhaupt braucht.
Und warum braucht es ihn?
Erstens gilt es, die Aktivitäten der fünf Unterverbände zu koordinieren. Das geht vom Erlass gemeinsamer Reglemente über die Ausbildung von Juroren bis zur Jugendarbeit. Immer wichtiger wird auch die Zusammenarbeit unter den Brauchtumsverbänden. Nur gemeinsam können wir ein wirkungsvolles Lobbying betreiben, nur gemeinsam können wir den Fluss von Bundesgeldern zur Brauchtumsförderung sichern. Auch auf organisatorischer Ebene gibt es noch Synergien, die es auszunützen gilt. Ein wichtiges Tätigkeitsfeld ist auch das Eidgenössische Jodlerfest, das alle drei Jahre stattfindet. Zur Erinnerung: Über 360 000 Begeisterte kamen 2008 nach Luzern, um gemeinsam ein unvergleichliches, friedliches Fest zu feiern. Ich bin überzeugt, das wird 2011 in Interlaken nicht anders sein.
Aber gerade das Eidgenössische Jodlerfest steht bei vielen Jodlerinnen und Jodlern an der Basis in der Kritik. Für sie ist der Beitrag von 95 Franken pro aktives Mitglied zu hoch – dafür, dass sie am Fest ja selber aktiv sind und die Organisatoren Gewinne erwirtschaften.
Allein wenn wir davon die zwanzig Franken Jodlergeld abziehen und die Gratisbahnfahrt von allen Ecken unseres Landes, reduziert sich dieser Betrag auf rund die Hälfte. Mit diesem Geld werden den Organisatoren und Juroren die Spesen bezahlt. Die Juroren erhalten zusätzlich fünf Franken pro Bericht – für diese fünf Franken arbeiten sie oft über eine Stunde lang. Dass die Organisatoren etwas verdienen, ist in Ordnung. Sie leisten auch einen extrem hohen Einsatz. Ich wünschte mir, dass wir – statt uns in der Kritik zu verlieren – wieder vermehrt zu einer Kultur der Wertschätzung zurückfinden können. Sonst finden wir schon bald keine Austragungsorte mehr für unsere Feste.
Das Thema der Ehrenamtlichkeit beschäftigt auch die Verbandsspitze.
Wie genau?
Fakt ist, dass viele Mitglieder des Vorstandes vor allem zeitlich am Anschlag sind. Ich möchte nicht, dass Leute wegen ihres Einsatzes zugunsten unseres Brauchtums ausbrennen. Deshalb werden wir die Organisationsform überprüfen. Wir müssen professioneller arbeiten können.
Aber das kostet zusätzliches Geld – woher wollen Sie das nehmen?
Unser Ziel ist es, neben COOP weitere Partner zu überzeugen, dass sich eine Unterstützung des EJV lohnt. Denn wir haben viel zu bieten – das haben die Präsentationen der Unterverbände hier an der BEA/Pferd rund um das Jubiläum eindrücklich gezeigt. Für eine solche Partnerschaft denke ich zum Beispiel an eine regional verankerte Bank. Oder an Schweiz Tourismus – angesichts der vielen tourismuswirksamen Auftritte, die unsere Jodlerklubs unentgeltlich leisten. Daneben muss aber auch gesagt sein, dass der Verbandsbeitrag von 9 Franken pro Mitglied im Verhältnis zu den erhaltenen Leistungen beim Jodlerverband sehr günstig ist. Das heisst: Auch eine Erhöhung der Mitgliederbeiträge darf kein Tabuthema sein.
Eine solche Erhöhung wird es an einer EJV-Delegiertenversammlung aber sehr schwer haben.
Tatsächlich höre ich von Mitgliedern Sätze wie: ‹Wir haben früher auch alles ehrenamtlich gemacht, warum soll das heute plötzlich nicht mehr gehen?› Aber es gibt auch sehr viele Verbandsmitglieder, die Verständnis dafür haben, dass altgediente Strukturen den Anforderungen an eine zeitgemässe Organisation nicht mehr genügen.
Ein Schwerpunkt, um zusätzliche Mittel einzusetzen, ist erklärtermassen die Jugendförderung.
Wie soll das gehen?
Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, dass die Kinder in Zusammenarbeit mit den Musikschulen früher erreicht werden. Da müssten wir ansetzen, um die jungen Menschen abzuholen. Eine andere Idee ist eine Unterstützung zur Gestaltung von Projektwochen an den Schulen. Dann geht es auch darum, die Ausbildung zum Führen eines Jugendchores zu intensivieren. Nicht zuletzt müsste man auch Projektchöre fördern. Dort können jodelbegeisterte junge Menschen abgeholt werden, die sich noch nicht in den verbindlichen Strukturen eines Jodelklubs zurechtfinden können. Denn klar ist: Wer die Jugend hat, hat die Zukunft.
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