Ist Volkskultur “förderungswürdig”?
von Hanspeter Gautschin, Geschäftsführer IG Volkskultur
Ist ‚Volkskultur’ förderungswürdig oder nicht? Ich glaube, diese Frage erübrigt sich, weil die meisten Volksmusikanten, Jodler etc. sich nie anmassen würden, öffentliche Unterstützungsleistungen für ihr Tun zu beanspruchen.
Und die Innovativen, welche teils äusserst gekonnt mit Traditionen brechen und experimentieren? Für diese genügen die bestehenden Förderkriterien bereits. Und sie wissen in der Regel auch, wie sie an solche Fördergelder kommen können.
Was jedoch Not tut, ist die öffentliche Förderung der Bestrebungen einzelner Institutionen, welche sich der Erforschung, Dokumentation und Entwicklung der Schweizer Volksmusik als eigenständiger Bestandteil eines gemeinsamen europäischen Kulturerbes widmen. Ich denke da in erster Linie ans Altdörfer ‚Haus der Volkmusik’, welches sich wohl nur mit einer grosszügigen Subvention des Bundes den Status eines nationalen Kompetenzzentrums für Schweizer Volksmusik erarbeiten kann.
20 settembre 2007, 1:05
Nur weil jemand sich nicht “anmasst”, Förderungen zu beanspruchen, ist etwas nicht förderwürdig? Darauf kann ich doch keine Förderstruktur aufbauen.
Abgesehen davon: Es ist nirgends festgeschrieben, dass nur “innovative” Projekte gefördert werden dürfen. Abgesehen davon: wann ist etwas innovativ?
Wichtig ist, dass die Kulturpolitik eine klare Linie verfolgt und sich dafür das Ok aus der Bevölkerung holt. Und wenn dann nur “Jodler” gefördert werden, dann ist das auch eine Entscheidung.
20 settembre 2007, 2:49
“Anmassung geht niemals aus einem Dasein, sondern nur stets aus einem Mangel hervor.” - Adalbert Stifter, 1805-1868, Über Stand und Würde des Schriftstellers
20 settembre 2007, 2:56
Aber die Frage bleibt. Die alte Frau, der die Pension nicht reicht, die sich aber schämt, den Staat um Hilfe zu bitten, begründet doch auch nicht die Abschaffung der Sozialhilfe?
Aber das Zitat muss ich mir gleich aufschreiben…
20 settembre 2007, 3:42
Ich glaube, der Adalbert Stifter meinte damit wohl weniger den materiellen Mangel. Im übrigen postuliere ich ja in meinem Beitrag nicht die Abschaffung der Kulturförderung (in Anspielung an Ihr Gleichnis). Aus meiner ganz persönlichen Sicht heraus bin ich jedoch eher für die öffentliche Unterstützung von Grundlagenarbeiten - beispielsweise eben zur Volksmusikforschung. Und genau da hapert es in der Schweiz - im Gegensatz zu Österreich - ganz böse.
20 settembre 2007, 4:27
Aber ich gehe mal davon aus, dass auch in der Schweiz Forschung und Kunst nicht aus demselben Topf gefördert werden. Insofern dürfte es ja eigentlich keine Frage des entweder - oder sein.
20 settembre 2007, 5:22
Das stimmt natürlich. Wobei ich, um noch einmal Österreich zu bemühen, anmerken muss, dass bei Euch in Österreich die ‘Volkskultur’ nicht aus “Kunst-Töpfen” gefordert wird. Was ich übrigens aus Gründen divergierender Qualitätskriterien als sehr sinnvoll erachte. Dazu sind spezielle Volkskultur-Referate pro Bundesland eingerichtet worden, welche v.a. mit wegweisenden Programmen (z.B. ‘Auf Steier’, ‘Mit allen Sinne’ etc.) der ‘Volkskultur’ Impulse geben können. Ja, von Österreich könnte die Schweiz noch einiges lernen.
3 october 2007, 9:14
Die Frage, welche der Förderungwürdigkeit von Volkskultur vorausgeht, ist: Was will man mit Förderung erreichen? Stabilisieren? Festschreiben? Entwickeln? Anerkennung verschaffen, um etwas wirksamer zu machen? Solche Paradigmen haben weltanschauliche Wurzeln. am Beispiel der Geschichte: Bis in die 60er Jahre war Kulturpolitik affirmativ, d.h. sie hat versucht, die bürgerliche Gesellschaft zu stabilisieren. Dagegen haben die 68er sich aufgelehnt, Kulturpolitik wurde eine Förderung der kritischen Haltung. Mithin der Innovation - ins Zentrum rückte die Entwicklung, die Veränderung, die Infragestellung. 40 Jahre nach 68 steht die Kulturförderung vor der Frage des wozu. Die Förderung von Volkskultur bietet hier einen interessanten Ausweg. Die Förderung von Volkskultur bedeutet nämlich, Tradition und Innovation in ein neues Gleichgewicht zu setzen. Überhaupt Tradition höher zu gewichten in einer Periode, welche sich durch Kürzestlebigkeit auszeichnet, durch Ahnungslosigkeit und Gedächtnisschwund. Volkskultur zu fördern, heisst, unsere Geschichte neu zu lesen. Das hat einen stark innovativen Aspekt - womit die Förderung sich selbst treu bleibt, die Volkskultur aber als Motor der Kultur gewürdigt ist. Über die Details lässt sich dann lange streiten…
3 october 2007, 2:42
ich verstehe das Problem nicht ganz. Die Frage, was man mit Förderung erreichen will, war doch schon immer der Ausgangspunkt von Kunst- und Kulturförderung. Und in der Regel haben die Regierenden darauf immer eine Antwort gefunden. natürlich in ihrem Sinne und dementsprechend werden Kunst und Kultur sehr gerne für politische Zwecke instrumentalisiert.
Ich weiß nicht, ob es Sinn macht, die Kulturpolitik in die Zeit vor 68 und nach 68 einzuteilen. Tatsache ist es doch, dass die “Herrschenden” Kunst und Kultur immer schon für ihre Zwecke instrumentalisiert haben, was bedeutet, sie für den eigenen Machterhalt einzusetzen. Wer gegen die “Herrschenden” war, hat Kunst und Kultur ebenfalls für seine Zwecke eingesetzt, eben für den Kampf gegen die Macht.
Daran hat sich meiner Meinung nach bis heute nicht viel geändert und ich denke, dass sich daran auch in Zukunft nicht viel ändern wird.
Das bedeutet, dass z.B. die Volksmusik von den verschiedenen politischen Parteien ideologisch aufgeladen wird. Den einen geht es um das Bewahren, den anderen um das Gegenteil davon. Und dementsprechend verlaufen auch die Trennlinien zwischen den Anhängern der Abteilung “Tradition” und “Innovation”. Stellt sich die Frage: Wem geht es um die Volksmusik? Wahrscheinlich keinem der beiden Lager.
Die Frage, ob das gut oder schlecht ist, stellt sich so nicht, denn sie hat meiner Meinung nach keinen Einfluss auf die Volksmusik. Es gibt MusikerInnen, denen die Tradition wichtig ist und welche, denen das Weiterentwickeln wichtig ist. Und es gibt keinen Grund, warum nicht beide Seiten nebeneinander existieren können. Von daher stellt sich für mich nicht die Frage nach entweder oder.
Es geht doch vielmehr darum, wer hört was? Denn nicht die Politik oder das Fördergeld hören Volksmusik, sondern die Menschen. Und wenn die weghören, dann hilft auch Geld nicht mehr, egal von welcher Partei es aus welchen Gründen in diesen Bereich gesteckt wird.
4 october 2007, 11:18
Die Frage ist aber auch: wer beurteilt denn die Fördergesuche?
Für Volksmusiker die bei der PH ein Gesuch einreichen ist es ungefähr so absurd, wie wenn Jazzer und Neuklassiker ihre Gesuch bei Peter Zinsli einreichen müssten.
Mei - das gäbe ein Geschrei!
Aber bei der Volksmusik scheint das Niemanden zu stören. Who cares?
Dementsprechend wird nur klassische Musik gefördert. Kein echos Preisträger ohne Klassikdiplom. Nicht einmal ein Alibi-Priisli war nötig. Stubete in der Tonhalle - im Designersännechutteli. Volksmusiksubventionen für Daniel Fueter (zweifellos in seinem Gebiet ein ausgezeichneter Mann), usw. Es fehlt noch Herr Perreira - der hat noch nichts vom Volksmusiktöpfli.
Es geht wohl mehr darum die SVP zu beruhigen. Das Geld fliesst dann so wie immer.
Das Geld fliesst dann zum Migros Kulturprozent. (Sind denn die verarmt?) Die PH unterstützt ein Volksmusiklabel vom Kulturprozent mit satten Beträgen. Und was kommt denn da heraus? Sie dürfen raten.
Klassische Musik, gespiellt von Serben und komponiert von Engländern? Im Namen der CH-Volkskultur.
… und niemanden störts. Man fördert jetzt ja auch Volkskultur.
Catch 22
5 october 2007, 9:53
@dide marfurt
Guter Vergleich mit Peter Zinsli. Der allerdings hätte wohl ein solches Ansinnen entrüstet zurückgewiesen - im Gegensatz zu den Kulturfunktionären, die selbstverständlich auch wissen, wie die Volksmusik zu tönen hat.
Ansonsten geben wir doch der PH und all’ den anderen Fördergremien etwas mehr Zeit. Das eigene Kulturverständnis zu hinterfragen und ggf. zu erweitern, braucht halt eben seine Zeit. Vielleicht könnten sie ja auch eine Bildungsreise in die skandinavischen Länder unternehmen. Oder auch nur nach Österreich. Und sogar einheimische Fachleute aus der Schweiz gäbe es. Sogar mit akademischem Hintergrund!!! Brigitte Bachmann-Geiser, Fabian Müller, Dieter Ringli u.v.m.
6 october 2007, 5:31
Es sind Kulturfunktionäre die diese Musik immer etwas belächelt haben. Das ist ihr gutes Recht und stört mich nicht. Aber wenn diese nun das Geld verteilen, kann nichts für die herausspringen die diese Musik wirklich lieben und pflegen.
Man versucht neue Klangideale zu definieren die es gar nicht braucht.
Noten aus der Hanny Christen Sammlung machen noch keine Volksmusik, äxgüsi - auch wenn der Geiger noch so schön Geige spielen kann. Es ist nicht nötig, dass da plötzlich gesagt wird wie Volksmusik zu tönen hat. Das wissen die die damit zu tun haben schon selber.
Und nein: ich bin dagegen mehr Zeit zu geben. Die Volksmusik braucht das Geld jetzt und es wird schliesslich in ihrem Namen verteilt. Es wäre keine Sache sofort einen Fachmenschen dafür einzustellen. Natürlich gibt es die. Es ist piepegal ob er Akademiker ist. Er soll die Kriterien der Volksmusik kennen und lieben. Ist doch ganz einfach.
Es geht nicht - und wir dürfen das nicht hinnehmen - das weitere hunderttausende von Franken im Namen der Volkskultur an Jazzer und Klassiker oder noch schlimmer - an eine neugebildete Volksmusiker Elite fliessen. Das ist inakzeptabel, schadet unserer Sache und wenn wir uns nicht wehren, so läuft das noch lange so weiter. Logisch.
Das Geld gehört dahin wofür es gesprochen ist.
Und die Funktionäre sollen nicht auf reisen gehen, man sagt: Schuster bleib bei deinen Leisten.
9 october 2007, 4:55
Verfolge schon eine Zeit lang diese Debatte auf anfänglich hohem und differenzierten Niveau. Und am 6.10.07 um 5:31 Uhr driftet diese Debatt aus unerklärlich Gründen ab i einen gehässigen, dogmatischen und ziemlich unfruchtbaren Verteilkampf ab.
Aus meiner Erfahrung als “Funktionä” eines Agglokantons stelle ich fest:
- Noch nie wurde bei uns ein Gesuch aus Volksmusikkreisen abgelehnt.
- Wir fragen nie nach Innovation, sondern nach Selbstverstädnnis und Eigenanspruch der Musikschaffenden.
- Wir fragen nach ¨Offentlichkeit” und Risikobeeitschaft.
Diese drei Faktoren gitl es zu fördern oder zu unterstützen.
Bisher sind wir hier gut gefahren…
Niggi Ullrich
Kulturbeauftragter BL
9 october 2007, 6:00
Es muss nicht sein, dass Volkskultur, “Kulturfunktionäre” und Klassik auf Kriegsfuss sind. Wir unterstützen im Kanton Uri das Festival Alpentöne, das Haus der Volksmusik und die vielen Volksmusik-, Tanz- und Brauchtumsvereine mit Projektbeiträgen. Zwischen dem VSV-Uri, Alpentönen und dem Haus der Volksmusik gibts Kontakte und Zusammenarbeit. Die kann man noch kräftig ausbauen.
Wer engagiert sich denn in der Schweiz für die spannenden Verbindungen zwischen Tradition und Zeitgenössischem? Wer genau schaut, sieht, dass interessante Projekte am Laufen sind. Im Vergleich zu Österreich haben wir - wie Hanspeter Gautschin richtig sagt - Nachholbedarf bei den Grundlagenarbeiten. Diesem Anliegen nehmen sich das Haus der Volksmusik und andere Insitutionen an.
z.B. : www.hausdervolksmusik.ch.
Josef Schuler, Kulturbeauftragter UR
10 october 2007, 1:02
@Josef Schuler: Projektbeiträge in hohen Ehren. Grundlagenarbeiten jedoch bedingen m.E. auch einen grundlegenden jährlichen Beitrag an eine Institution wie beispielsweise das ‘Haus der Volksmusik’. Ein solcher Beitrag müsste jedoch gespiesen werden aus:
a) kantonalen Beiträgen (Vorstoss via Kulturbeauftragtenkonferenz) und subsidiär vom
b) Bund (BAK)
Ich glaube nämlich nicht, dass das ‘Haus der Volksmusik’ über Jahre hinweg, lediglich mit Beiträgen von Uri und Altdorf gespiesen, auf hohem Niveau wirken kann. Hier wäre endlich ein mutiger Schritt bzw. Entscheid für die Erforschung, Pflege und Förderung des eigenen Musikerbes längst angezeigt.
9 november 2007, 3:50
@ Niggi Ullrich: Ich schätze das Kulturengagement des Kantons Baselland sehr und gehöre als Kulturkonsument und -veranstalter auch zu dessen Nutzniessern. Aber wenn ich ihren Satz „Noch nie wurde bei uns ein Gesuch aus Volksmusikkreisen abgelehnt“ lese, muss ich doch recht erstaunt den Kopf schütteln.
Ich habe grad gestern abend ein Konzert mit „eCHo“ (ein Projekt von www.doppel-bock.ch) im Sudhaus Warteck (www.sudhaus.ch) in Basel gegeben. Nach dem Konzert kam ich mit dem Programmverantwortlichen des Sudhauses auf Fördergelder zu sprechen. Er klagte mir, dass er für alle Konzerte aus dem Volksmusikbereich unter anderem den Kanton Baselland (fördert nicht nur im Halbkanton, sondern in der ganzen Region Basel) um finanzielle Unterstützung ersuche und immer Absagen bekomme. Es handelt sich konkret um unser Konzert gestern abend und diverse Konzerte der Reihe „SULPhouse“, wo das Basler Trio „sulp“ (www.sulp.ch) Konzerte mit je einer Gastgruppe zusammen gibt (u. a. mit Doppelbock, Christine Lauterburg, Hannelimusig, Kapsamun).
Und ein weiteres Müsterli aus erster Hand zum gleichen Thema: mit meiner anderen Musikgruppe (Pflanzplätz, www.pflanzplaetz.ch) haben wir im Jahr 2000 den Kanton Baselland um Förderung einer kleinen Tournee mit gleichzeitiger Aufnahme einer Live-CD ersucht. Wir kriegten nichts! Die Tour samt CD haben wir trotzdem gemacht, halt einfach ohne öffentliche Gelder…
Dies sind konkrete Beispiele aus dem Alltag, keine Mutmassungen oder Positionsbezüge. Ob der Kanton Baselland Volksmusik/Volkskultur fördern will, liegt in seinem eigenen Ermessen. Aber zu behaupten, er habe es bis jetzt in jedem (!) Fall getan, und dann im konkreten Fall nichts zu geben finde ich nicht gerade ehrlich.
Oder gehören obengenannte Bands, Projekte und Veranstaltungen etwa gar nicht zu den gemeinten „Volksmusikkreisen“? Dann verspreche ich, mich fortan von dieser Diskussion wieder fernzuhalten…
Simon Dettwiler, Münchenstein BL, Volksmusikant?